Tachos restaurieren


Ihr kennt das Spielchen: Bei unserem Hobby wird erst einmal alles weitestmöglich zerlegt (schon die alten Griechen sprachen von "Athomos" = nicht mehr weiter teilbar...) und dann entschieden, was aufgearbeitet oder ersetzt werden muß. Ganz normal.
Nur Tachos werden von vielen Leuten komischerweise als "ein Teil" betrachtet, das entweder gut oder schlecht ist! Dabei sollte eigentlich klar sein, daß diese nicht am Stück irgendwo gewachsen sind, sondern sich durchaus zerlegen und reparieren lassen. Ausgeblichene Skalen, zerkratzte Gläser oder zuckende Zeiger sind kein Grund (für teures Geld) einen neuen zu suchen. Außerdem: Kaufen kann jeder. Wir restaurieren!

Vespa GS1 1955

Erste Schritte

Bevor wir anfangen den Tacho zu zerpflücken, hören wir uns um was es im Moment an fertigen (nachgefertigten) Teilen gibt. Das Angebot ändert sich leider ständig; in vielen Katalogen stehen noch Dinge wie VDO-Chromringe die schon längst nicht mehr lieferbar sind. Erst wenn ich ein Teil in der Hand halte und es nach einem Vergleich mit dem Original tatsächlich auch das Richtige ist bin ich sicher!

Der aktuelle Stand der Dinge ist folgender:

Chromringe in Sonderformen (also alles andere als runde!) sind nur in Ausnahmefällen als Ersatzteil zu bekommen. Sie müssen fast immer gerettet werden. Runde Ringe aller Größen gibt es in Millimeterabstufungen bei Tachodiensten.
Gläser für Vespa-Tachos sind inzwischen für fast alle Modelle als Repro erhältlich, andere Hersteller haben überwiegend plane Gläser verwendet die jeder Glaser zuschneiden kann.
Bei Zifferblättern ist die Situation längst nicht mehr so trostlos wie vor ein paar Jahren; auch die Qualität der Repros ist inzwischen wirklich gut.
Wenn der Zeiger nicht mehr zu retten ist, sollte man sich verstärkt auf Flohmärkten herumtreiben; früher oder später findet man sicher eine Uhr oder einen Wecker mit einem passen Zeiger zum Schlachten. Kleine alteingesessene Uhrmacherwerkstätten sind auch einen Versuch wert.
Tachowellen für VDO-Tachos, lange Zeit ein Schwachpunkt, gibt es inzwischen auch wieder als Repro.

Das Innenleben der Tachos ist, selbst wenn sie nicht mehr funktionieren, meistens besser als man anfangs denkt. Oft genügt eine Reinigung und etwas Öl. Außerdem sind 99% (100%?) aller Rollertachos entweder von VDO oder von Veglia, und da die Hersteller nicht bei jedem Modell das Rad neu erfinden ist es oft so, daß Teile der Mechanik zwischen verschiedenen Instrumenten austauschbar sind und bei manchen Firmen noch Kistenweise lagern. Adressen & Kontakte zum Thema Tacho (die vielleicht noch nicht jeder kennt) stehen im Anhang.


Unser Demonstrationsobjekt: Der Tacho einer GS/2. Das Hoffmann-Ziffernblatt ist übrigens auch ein Repro!

Zerlegen

Alle alten Rollertachos die ich kenne haben einen gebördelten Chromring, der Glas, Ziffernblatt und Gehäuse zusammenhält. Eigentlich läßt sich ein derart verschlossener Tacho nicht zerstörungsfrei öffen; es gibt aber zwei Methoden einen "unersetzlichen" Chromring so zu öffnen daß man ihn wiederverwenden kann:

1.) Vollständiges Abfeilen des ganzen umgebördelten Blechs. Der Ring wird später bei der Montage nur aufgeklebt. Von außen ist bei sauberer Arbeit nichts zu sehen da die Tachos eigentlich immer versenkt eingebaut sind.

2.) Aufsägen des Ringes an zwei gegenüberliegenden Stellen. Die Bördellaschen können jetzt zurückgebogen und bei der Montage wiederverwendet werden. Die (verchromten) Messingringe lassen sich erstaunlich gut auf Stoß hartlöten! Geht wirklich!

Klar, das ist beides nicht der Weisheit letzter Schluß, aber was soll man manchmal machen...


Basteln

Ist das geschafft, steht man gleich vor dem nächsten Problem: Um das Ziffernblatt entfernen zu können muß der Zeiger von der Achse abgezogen werden. Er ist in der Regel aufgepresst. Einseitiges Hebeln mit einem Schraubenzieher würde mit Sicherheit die Achse verbiegen - wir basteln uns daher einen kleinen Abzieher. Dieser greift mit der "Gabel" unter den Zeiger und drückt ihn mit der angespitzten Schraube von der Achse.


Zeigerabzieher Marke Eigenbau

Benötigt werden lediglich ein kleiner Eisenklotz und eine Schraube. Mit etwas Geduld feilt man den Klotz so zu wie auf dem Bild; die Abmessungen sind natürlich individuell verschieden, lassen sich aber einfach ermitteln. Die Schraube benötigt noch eine kleine Spitze am Ende; diese muß natürlich dünner sein als die Achse! Kaum jemand hat zuhause eine Drehbank herumstehen - es geht aber auch problemlos, indem man die Schraube ganz knapp in die Bohrmaschine spannt und mit einer Feile bearbeitet!

Alle Schlosser bitte wegschauen!
Drehbank für Arme... ;-))


Tacho-Technik

Wenn das geschafft ist geht es an's Innenleben des Tachos. Zunächst einmal zur Orientierung die Funktionsweise eines solchen Instruments:


Innenleben eines Hoffmann-Tachos: Links Antrieb mit Magnetrad, rechts die Glocke

Die Tachowelle treibt ein magnetisiertes Rad an. Über dieses Magnetrad ist eine Art Glocke gestülpt, die zwar in der selben Achse gelagert ist, aber keinerlei direkte Verbindung zu ihr hat. Die Drehbewegung des Rades wird also nur duch den Magnetismus auf die Glocke übertragen. Die Achse des Zeigers sitzt auf dieser Glocke. Eine Spiralfeder wirkt der Drehbewegung des Zeigers entgegen. Der Zeiger pendelt sich aus diesem Grund immer in der Stellung ein, in der sich das Antriebsmoment des Magnetrades und die Rückstellkraft der Feder aufheben. Der Kilometerzähler wird direkt mit einem Getriebe angetrieben.


Ziffernblätter selbstgemacht

Die Qualität heutiger Scanner und Drucker ist selbst im nichtprofessionellen Bereich so gut, daß es durchaus möglich ist, ein schäbiges Ziffernblatt einzuscannen, nachzubearbeiten und auf Klebefolie oder dünnes Plastik (Overheadfolie) auszudrucken. Bei Zweirädern aller Art sollte der Ausdruck auf jeden Fall mit einem UV-Schutz versehen werden. Es gibt inzwischen Sprays, die einen Ausdruck weitgehend feuchtigkeitsunempfindlich und UV-Beständig machen.

Eine weitere Möglichkeit ist ein Foto in der erforderlichen Größe auf die alte Skala aufzukleben. Es ist zwar relativ aufwendig die richtige Größe zu ermitteln, dafür erhält man aber auch ein absolut gestochen scharfes Ziffernblatt! Die beiden Varianten habe ich selbst zwar noch nicht ausprobiert, sie haben sich allerdings im Auto-Oldtimer-Bereich bereits bewährt.


Der treue Helferlein-Leser Christian Fuchs hats ausprobiert und mir folgende nette Mail geschrieben:

Hallo,
mit grossem Interesse und Dankbarkeit lese ich häufig in deiner Homepage nach, wenn ich mal wieder nicht weiterkomme. Spiele mit meiner Fuffi anno 1969 nicht ganz in der Liga, aber habe trotzdem nen brauchbaren Tip für Dich.
Wenn man das Ziffernblatt eines Tachos einscannt, sollte man das Ergebnis von einem Internet Bilder Service entwickeln lassen… 1 Bild kostet da so cirka 20 Cent und die Grösse stimmt hundertprozentig, wenn man vorher alles richtig bearbeitet hat. Hinterher dann UV Filterfolie aus dem Foto Hobby Bereich zugeschnitten und fertig ist das perfekte Tachoblatt. Habs ausprobiert. Sieht besser aus als das Original und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, sollte man mal was Eigenes haben wollen. Don´t panic – bin ja kein Banause. Nur ne Idee für die Kreativen unter uns…

Viele Grüsse aus Hamburg
Christian Fuchs


Danke für das Lob und die Tips auch noch mal an dieser Stelle!


Montage

Wichtig für die spätere Alltagstauglichkeit ist eine wasserdichte Verbindung zwischen Glas, Skala und Gehäuse. Da im Normalfall keine Bördelmaschine zur Verfügung steht, die alles fest verschließt, sollten die Einzelteile verklebt werden. Wenn man sich sicher ist, den Tacho nicht mehr öffnen zu müssen, eignet sich dickflüssiger Kleber wie Pattex hervorragend.
Alternativ kann man auch Silikon aus dem Sanitärbedarf verwenden; dieses hat den Vorteil, daß es sich länger korrigieren läßt und von den glatten Oberflächen auch wieder relativ gut entfernt werden kann.


Sonstiges / Was ich schon immer über Tachos wissen sollte


Bezugsquellen für rare Tacho-Teile:

- Ziffernblatt für eckigen VDO-Tacho (rot/grau, blau/grau): Martin Zobel, http://www.wheel-online.de

- Ziffernblatt für Hoffmann-A-Tacho (Siebdruck auf Blech!): Horex-Teile Klaus Forster, 06251 / 983191

- Gläser für eckige VDO-Tachos: Joe Körber, joe.koerber@web.de

- Chromringe, evtl. komplette Überholung: Paul Schäfer Tachodienst, Hyazinthenstr. 9, 80935 München. Tel 089-3519459


So zeitaufwendig die beschriebenen Arbeiten auch sind, es macht mir zumindest am meisten Spaß wenn es ein paar Probleme zu lösen gibt und man etwas wirklich restauriert statt nur auszutauschen. Die ganze Tachoüberholung läßt sich darüber hinaus bequem am Küchentisch durchführen. (etwas für lange Winterabende in der stillen Vorweihnachtszeit...)
Und: Das Resultat hat man später während jeder Fahrt ständig vor Augen. Es ist den Aufwand wert!


Geschafft!


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